Deutschland hat vier Jahre Wachstum verspielt: Rezession droht, in einem Sektor ist vom größten Einbruch der Geschichte die Rede
23.02.2023

Auch wenn es vielleicht nicht so scheint, entwickelt sich die deutsche Wirtschaft deutlich schlechter als der europäische Durchschnitt. Angesichts der weiterhin sinkenden Kaufkraft der Verbraucher hat Deutschland wirtschaftlich gesehen kaum Grund zum Optimismus
Entgegen dem, was die deutschen Behörden oft hervorheben, wurde die deutsche Wirtschaft von der Pandemie schwer getroffen. Während das europäische BIP im dritten Quartal 2022 um 2,7 Prozent höher lag als vor der Pandemie, in Frankreich um 1,1 und in Italien um 1,8 Prozent, gelang es Deutschland erst in diesem Quartal, das BIP auf das Niveau der Zeit vor der Pandemie zu bringen – viel später als in fast allen anderen europäischen Ländern.
Und während die gesamte Eurozone im letzten Quartal ein kleines Wirtschaftswachstum erzielen konnte, verzeichnet die deutsche Wirtschaft erneut einen Rückgang von 0,2 Prozent. Die Unterschiede werden noch sichtbarer, wenn man das gesamte Jahr 2022 betrachtet. Während deutsche Politiker ein Wachstum von 1,8 Prozent auf Jahresbasis feierten, wuchs die Wirtschaft der Eurozone insgesamt gleichzeitig um fast doppelt so viel, nämlich 3,6 Prozent.
Technische Rezession wird erwartet
Wie Wirtschaftsexperten sagen, ist für Deutschland in naher Zukunft keine bessere Lage in Sicht. Wenn sich ihre Prognosen für das erste Quartal dieses Jahres bewahrheiten, wonach die deutsche Wirtschaft erneut um 0,4 Prozent schrumpfen würde, würde das nur eines bedeuten – den Eintritt in eine technische Rezession. Da danach nur ein leichtes Wachstum zu erwarten ist, wird das deutsche BIP danach wahrscheinlich erst bis zum Ende dieses Jahres wieder das Niveau erreichen, das es im Sommer des vergangenen Jahres hatte, und das würde bedeuten, dass auch das Niveau vor der Pandemie nicht erreicht wird. Mit anderen Worten, Deutschland würde dann vier Jahre Wirtschaftswachstum verpassen.
Bei alledem ist es unglaublich, dass die Indikatoren der Wirtschaftsstimmung in Deutschland gleichzeitig einen positiven Trend aufweisen. Das deutsche Wirtschaftsklima wurde laut dem Institut für Wirtschaftsforschung Ifo zum vierten Mal in Folge verbessert, die ZEW-Konjunkturerwartungen für dieses Land sind erst seit Februar 2022 positiv, und die Verbraucherstimmung hat sich mit jener zum Zeitpunkt des Ausbruchs des Krieges in der Ukraine angeglichen.
Bauwirtschaft spricht vom größten Einbruch aller Zeiten
Doch die Fakten sprechen etwas anders. Die Produktion fiel im Dezember im Vergleich zum Vormonat um 3,1 Prozent, deutlich mehr als erwartet. Besonders im Baugewerbe brachen die Geschäfte ein, wo die Produktion um acht Prozent sank. Bauinvestoren sprechen sogar vom steilsten Einbruch aller Zeiten. Darüber hinaus ging im Dezember auch der Einzelhandel zurück. Die Händler erzielten im Weihnachtsmonat 5,3 Prozent weniger Umsatz als im November, und im Vergleich zum selben Monat 2021 sank er um 6,4 Prozent.
Die rekordhohe Inflation des vergangenen Jahres von 7,9 Prozent verursachte einen Rückgang der Reallöhne um 4,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Nach einem dreijährigen aufeinanderfolgenden Rückgang ist die reale Kaufkraft der Beschäftigten heute genauso niedrig wie im Jahr 2014. Das heißt, die Beschäftigten haben acht volle Jahre lang keinerlei Gewinn erzielt.
Angesichts der Tatsache, dass die größten deutschen Unternehmen Rekordgewinne erzielten, wurden die finanziellen Folgen der Energiekrise bislang offensichtlich von den Beschäftigten, aber auch vom Staat selbst getragen.
Auch in Deutschland sind die Gewerkschaften aufgestanden, und es werden bessere Arbeitsbedingungen für 11 Millionen Beschäftigte gefordert. Doch es wird erwartet, dass dies lange und schwierige Verhandlungen werden. Beschäftigte im Bundes- und Kommunal öffentlichen Sektor werden eine Lohnerhöhung von 10,5 Prozent fordern, Postbeschäftigte 15 Prozent und Eisenbahner 12 Prozent. Die Behörden haben ihre Forderungen bislang zurückgewiesen, doch die Gewerkschaften antworten mit Streiks.
Die Frage ist, wie starkes Lohnwachstum Deutschland tatsächlich verkraften könnte. Einerseits ist die wirtschaftliche Entwicklung ungewiss und hängt weitgehend von der Entwicklung des Krieges in der Ukraine sowie von den Entwicklungen auf dem Energiemarkt ab. Andererseits scheint sich der Welthandel mit China an der Spitze sichtbar von den Folgen der Pandemie und des Krieges zu erholen. In der Vergangenheit war die deutsche Industrie, die ein starker Exporteur ist, immer einer der größten Profiteure einer Verbesserung der globalen Wirtschaft.
Dennoch steht die deutsche Wirtschaft stark unter dem Einfluss des Rückgangs der Reallöhne. Den Deutschen wird dies spätestens bewusst werden, wenn alle staatlichen Finanzspritzen ausgezahlt und verbraucht sind und keine neuen Hilfspakete folgen. Allein im laufenden Jahr wird der tatsächliche Rückgang der Kaufkraft wahrscheinlich hohe 100 Milliarden Euro betragen.
Quelle: tportal.hr










