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Deutschland: Inflation offiziell bei 6,1 Prozent – Bürger empfinden sie als dreimal so hoch

22.06.2023

Deutschland: Inflation offiziell bei 6,1 Prozent – Bürger empfinden sie als dreimal so hoch

BERLIN – Einer Studie zufolge nehmen Verbraucher in Deutschland die Inflation als dreimal höher wahr als offiziell festgestellt. Warum ist das so?

Im Mai stiegen die Lebensmittelpreise in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr um 14,9 Prozent.

Laut einer Studie des Versicherungsunternehmens Allianz Trade lag die von den Menschen in Deutschland wahrgenommene Inflationsrate im Mai bei 18 Prozent – also fast dreimal höher als die offiziell veröffentlichten 6,1 Prozent. Allgemein betrachtet empfinden Menschen die Inflation im Alltag gewöhnlich als höher als den gemessenen Wert, heißt es in der Analyse. Doch die aktuelle Inflationsdynamik hat diesen Unterschied noch vergrößert.

„Die große Kluft zwischen wahrgenommener und tatsächlicher Inflation besteht besonders in Deutschland“, sagt Jasmin Gröschl von Allianz Trade. In der Eurozone insgesamt unterscheiden sich diese beiden Werte um etwa neun Prozent, in Deutschland um etwa elf. „Damit spielt dieser Unterschied eine wichtige Rolle für die Wirtschaft und die Unternehmer sowie für die Zinspolitik”, sagt Gröschl.

Die Experten untersuchten auch die Gründe für einen so großen Unterschied, der sowohl mit der Zusammensetzung des Warenkorbs als auch mit dem tatsächlichen Verbraucherverhalten zusammenhängt.

Demnach achten Verbraucher stärker auf Preisänderungen bei Produkten, die sie häufig kaufen, wie Lebensmittel und Getränke, Kraftstoff oder andere Dinge des täglichen Bedarfs. „Wenn diese Preise in den Geschäften überdurchschnittlich steigen, neigen die Menschen dazu zu empfinden, dass die Inflation viel höher ist”, erklären die Experten.

Im Mai stiegen die Lebensmittelpreise in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr um 14,9 Prozent. Diese Preise haben nun mit Abstand den größten Einfluss auf die allgemeinen Preissteigerungen, teilt das Statistische Bundesamt mit.

Aber auch psychologische Aspekte, demografische und regionale Unterschiede sowie das individuelle Verbraucherverhalten können dazu führen, dass Verbraucher Preissteigerungen anders wahrnehmen als die offiziell gemessenen Werte.

Wie die Experten von Allianz Trade feststellen, konzentrieren sich Menschen in ihrer Wahrnehmung auf für sie besonders wichtige Preissteigerungen. Dagegen werden stabile oder sinkende Preise anderer Produkte und Dienstleistungen gewöhnlich nicht bemerkt. Das erzeugt ein verzerrtes Bild und eine große Diskrepanz zwischen wahrgenommener und tatsächlicher Inflation.

Darüber hinaus können sich die Inflationsraten je nach Region oder Stadt unterscheiden. Offizielle Messungen beruhen jedoch auf nationalen oder regionalen Durchschnittswerten, die die Situation vor Ort möglicherweise nicht genau widerspiegeln, weisen die Autoren der Studie hin.

Die offiziellen Inflationsraten unterscheiden sich innerhalb der Europäischen Union oft erheblich. Im Mai reichten sie von 2,8 Prozent in Griechenland bis 21,5 in Ungarn. Im benachbarten Österreich lag die Inflation bei 8,8 Prozent, höher als in Deutschland (6,1%) und der Schweiz (2,2%).

„Schlüsselfaktoren der Inflation sind die geografische Nähe zu Russland und die Abhängigkeit von Energie- und Lebensmittelimporten, staatliche Eingriffe bei der Preisbildung und die Stärke der nationalen Währung”, erklärt Gröschl.

In Deutschland sind all diese Faktoren sichtbar, die die Inflationsrate beeinflussen: Die große Abhängigkeit von Importen aus Russland führte zu einem starken Anstieg der Energiepreise. Die Bundesregierung reagierte darauf mit einer Begrenzung der Strom- und Gaspreise. In der Eurozone insgesamt erhöhte der schwache Euro die Inflation, weil in Dollar gehandelte Waren wie Öl und Gas teurer wurden.

Quelle: seebiz.eu