Deutschland: Verbraucherstimmung so schlecht wie nie seit 1991
30.09.2022

Die Stimmung unter den deutschen Verbrauchern war schon lange nicht mehr so schlecht. Die Menschen sind wegen der hohen Energiepreise und der galoppierenden Inflation besorgt. Auch an der Börse herrscht ein negativer Trend.
Die Energiekrise und die Inflation in Deutschland spiegeln sich in der Stimmung der Verbraucher wider. Und diese befindet sich derzeit auf einem Rekordtief. Das Barometer des Nürnberger Meinungsforschungsinstituts GfK signalisiert für Oktober bereits einen überraschend starken Rückgang um 5,7 Prozentpunkte auf -42,5 Punkte. Bereits zum vierten Mal in Folge sinkt der Index und befindet sich derzeit auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Messung der Konsumentenstimmung im vereinigten Deutschland 1991., teilte die GfK mit.
Viele deutsche Haushalte müssen jetzt deutlich mehr Geld für Energie ausgeben beziehungsweise Geld zurücklegen, mit dem sie die spürbar steigenden Heizkosten in der Wintersaison „decken“ werden. „Das bedeutet, dass die Menschen bei anderen Ausgaben sparen müssen, zum Beispiel bei Neuanschaffungen“, sagt der GfK-Experte für Verbraucherverhalten Rolf Bürkl. „Deshalb ist das Konsumklima auf ein neues Rekordtief gefallen.“
Die derzeit sehr hohe Inflationsrate von rund acht Prozent ist für den erheblichen Rückgang der Realeinkommen und damit auch der Kaufkraft der deutschen Verbraucher verantwortlich: „Da derzeit nicht absehbar ist, wann die Inflation spürbar nachlassen wird, kommen in den nächsten Monaten schwere Zeiten auf das Konsumklima zu“, warnte Bürkl.
Der Handelsverband Deutschland (HDE) sagt, dass sich der Einzelhandel schon jetzt in einer schwierigen Lage befindet: „Die Kunden kaufen weniger oder billigere Dinge, und gleichzeitig sind auch für unsere Unternehmen die Energiepreise explodiert“, erklärte HDE-Geschäftsführer Stefan Genth. „In dieser Situation mit hartem Wettbewerb funktioniert das Rezept nicht, nach dem Preissteigerungen einfach auf unsere Kunden abgewälzt werden.“ Deshalb müsse die Bundesregierung, fügt er hinzu, ihre Hilfsprogramme für Unternehmen, die durch Energiekosten überlastet sind, dringend anpassen – damit auch Einzelhändler entsprechende Unterstützung erhalten.
Keine Veränderung in Sicht
Es gibt ein hohes Maß an Unsicherheit darüber, wie lange die Energiekrise dauern wird beziehungsweise wie stark am Ende alles teurer werden wird, sagt Jörg Zeuner, Chefökonom des Unternehmens Union Investment. Und wie es in unsicheren Zeiten üblich ist, aktivieren die Verbraucher auch diesmal den „Sparreflex“, fügt er hinzu: „Der Konsum wird im kommenden Winterhalbjahr schwere Zeiten erleben, selbst wenn die Temperaturen überdurchschnittlich hoch sein sollten und so ein Gasmangel vermieden wird.“ Ähnlicher Meinung ist auch Alexander Krüger von der Privatbank Hauck Aufhäuser Lampe: „Der Blick in den eigenen Geldbeutel hat die Verzweiflung der Verbraucher nur noch vergrößert.“ Die Eiszeit werde andauern, meint unser Gesprächspartner: „Eine Stimmungsänderung ist nicht in Sicht.“ Besonders problematisch findet er, dass am Ende des Tunnels überhaupt kein Licht zu sehen ist. „Die Unentschlossenheit der Regierung in Bezug auf eine schnelle Entlastung der Bürger ist immer schwerer zu verstehen“, kritisiert Krüger. Die deutschen Verbraucher rechnen mit einer Rezession, fügt dieser Ökonom hinzu.
Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung prognostiziert für 2023 einen spürbaren Rückgang des privaten Konsums. Die Ausgaben der Haushalte dürften wegen der hohen Inflation um 2,5 Prozent sinken – zuletzt wurde ein so deutlicher Rückgang 2020 verzeichnet, also im ersten Jahr der Coronavirus-Pandemie.
Auch die führenden Wirtschaftsinstitute gehen davon aus, dass Deutschland eine Rezession im kommenden Winter nicht wird vermeiden können. Wegen der Energiekrise verlangsamen sich die wirtschaftlichen Aktivitäten und ein Rückgang des BIP ist zu erwarten, prognostizieren die wichtigsten Institute, die zugleich auch die Bundesregierung in Berlin beraten. Diese Information verbreitet die Nachrichtenagentur Reuters und beruft sich dabei auf mehrere mit der Sache vertraute Quellen. Deshalb haben die Experten ihre Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung aus dem Frühjahr dieses Jahres deutlich „gekürzt“. Für 2022 erwarten die Wirtschaftsinstitute ein BIP-Wachstum von nur 1,4 Prozent und für 2023 einen Rückgang des BIP um etwa 0,4%.
DAX auf Abwärtskurs
Der wichtigste deutsche Börsenindex (DAX) befindet sich wegen der Sorgen um Inflation, Zinsentwicklung und Konjunkturerwartungen auf Abwärtskurs. Zum ersten Mal seit November 2020 fiel der deutsche Leitindex auf ein Niveau von weniger als 12.000 Punkten, das auf dem Börsenparkett psychologisch bedeutsam ist. Auch der Index MDax fiel, ebenso wie der EuroStoxx 50, der führende Index, der Wertpapiere aus der Eurozone bündelt. „Uns droht eine weitere schreckliche Börsenwoche“, prognostiziert der Wirtschaftsanalyst Timo Emden. Der DAX erholte sich jedoch zur Wochenmitte und „sprang“ wieder auf ein Niveau über 12.000 Punkte. Insgesamt verlor der DAX in dieser Woche 3% an Wert – und in den letzten zwei Wochen bereits mehr als 12%.
Deutlich „gelitten“ haben die Aktien des Bankensektors, die Papiere der Deutschen Bank verzeichneten ein Minus von mehr als 7%. Noch schlimmer ist die Lage im Stahlsektor. Der Grund ist eine Studie der US-Bank JPMorgan, die die Geschäftsentwicklung in dieser Branche beziehungsweise die Profitabilität des Sektors sehr pessimistisch prognostiziert. Die Aktien des deutschen ThyssenKrupp verloren 11,4% an Wert. Und der Konzern Salzgitter musste einen Wertverlust seiner Papiere von fast 14 Prozent „schlucken“.
Quelle: dw.com










