Kann uns die Geschichte der Inflation etwas lehren?
23.09.2022

BERLIN – Die Preise in Deutschland steigen rasant, genau wie vor einem halben Jahrhundert. Wo liegen die Parallelen zwischen den heutigen Verteuerungen und der Inflation in den siebziger Jahren? Was ist jetzt anders?
„Müssen Sie eine höhere Heizrechnung bezahlen?“, fragt eine Fernsehjournalistin eine Bürgerin vor dem Hauseingang. Diese zieht ein Blatt Papier aus der Tasche und sagt: „Bisher haben wir 40 Mark im Monat bezahlt, und künftig werden wir 80 Mark bezahlen müssen. Das ist doppelt so viel.” Schon die Währung selbst verrät, dass es sich um einen Fernsehbeitrag aus dem Archiv handelt, und zwar des deutschen öffentlich-rechtlichen Senders ARD. „Die Energiekrise trifft alle Länder der westlichen Welt” – das könnte auch eine Aussage des deutschen Bundeskanzlers Olaf Scholz sein. Aber das sind in Wirklichkeit die Worte des ehemaligen Kanzlers Willy Brandt, ebenfalls eines sozialdemokratischen Politikers, mit denen er im November 1973 autofreie Tage propagierte – wegen der Ölkrise war nämlich die Nutzung von Fahrzeugen verboten.
Die Parallelen zwischen den siebziger Jahren und der Situation, die wir heute haben, sind nach den Worten des Wirtschaftswissenschaftsprofessors Peter Tillmann von der Universität Gießen offensichtlich: „Damals vervierfachte sich der Ölpreis, jetzt ist vor allem der Gaspreis drastisch gestiegen.” Wie damals steht auch heute die ganze Welt wegen der Verteuerungen unter Schock, und das ist noch eine weitere Parallele.
An die Ölkrise und den damaligen Preisanstieg erinnert sich Eberhardt Flammer, der damals zwanzig Jahre alt war und begann, in einer Bank zu arbeiten. Innerhalb einer Woche verdoppelten sich die Preise an den Tankstellen auf mehr als eine Mark pro Liter Kraftstoff. Der Preis für Heizöl sprang, erinnert er sich, von 10 auf 60 Pfennig. Wer nur wenig Öl im Tank hatte, schaltete die Heizung aus.
Die Reaktion der Gesellschaft war energisch: „Die Öltank-Magnaten im Nahen Osten wurden zu Feinden. Sollen sie ihr Öl doch essen und trinken, wir werden es nicht mehr nehmen“, beschreibt Flammer die damalige Stimmung. Ob die deutsche Gesellschaft jetzt auf ähnliche Weise reagieren wird, werden die kommenden Wochen und Monate zeigen.
Damals erhöhten die steigenden Energiepreise die Inflationsrate auf ein Rekordniveau. Im Dezember 1973 betrug die Verteuerung 7,9 Prozent – identisch wie im vergangenen Monat in Deutschland. Auch damals wie heute bestand unter den Ökonomen Konsens: Wenn die Preise stark steigen, ist die Hauptaufgabe der Zentralbank, die Inflationsrate durch eine Erhöhung des Leitzinses zu senken. Die Meinungen unterschieden sich nur in der Frage des richtigen Zeitpunkts und der Höhe des Zinssatzes.
Experte Tillmann ist der Ansicht, dass die Erfahrung aus der Geschichte jetzt sehr wichtig ist. In den USA und in Europa zeigte sich damals, dass zu zögerliches Handeln zu noch größeren Problemen führen kann. „Zumindest hat die Zentralbank der USA ihre Lektion gelernt“, sagt Tillmann. Er fordert entschlossenes Handeln der Europäischen Zentralbank (ECB), die vergangene Woche die Entscheidung über die größte Erhöhung des Leitzinses in ihrer Geschichte getroffen hat – sie hob ihn um ganze 0,75 Prozentpunkte auf 1,25 Prozent an.
Der Anstieg des Zinssatzes ist jedoch Gift für die wirtschaftliche Entwicklung und kann zu einem Anstieg der Arbeitslosenquote führen. Genau das geschah vor etwa 50 Jahren, als sich die Zahl der Arbeitslosen in kurzer Zeit von 273.000 (1973) auf 1,1 Millionen (1975) erhöhte.
Genau hier liegt der größte Unterschied: Statt eines Rückgangs der Zahl der Beschäftigten sind jetzt der demografische Wandel und der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften die großen Probleme. Das beste Beispiel dafür ist der einst junge Bankangestellte Eberhardt Flammer, der seit Jahrzehnten ein Unternehmen leitet, das Zulieferer für die Automobilindustrie ist, mit rund 1.300 Beschäftigten weltweit. Er sagt, dass er in den vergangenen Jahren in diesem Unternehmen viel Mühe in die Ausbildung und Weiterbildung der Menschen investiert hat.
Eine Rückkehr der Massenarbeitslosigkeit scheint ausgeschlossen – was in diesen Zeiten beruhigend ist. Aber wird die Inflation auch künftig bei uns bleiben? „Die Krise, die gerade erst begonnen hat, dürfen wir nicht unterschätzen.“ Die Einschätzung von Kanzler Brandt von vor einem halben Jahrhundert könnte heute wahrscheinlich auch sein Nachfolger, der aktuelle Kanzler Olaf Scholz, wörtlich wiederholen.
Quelle: seebiz.eu











