Deutschland: Immer mehr Unternehmen bieten Prämien an, um qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen
15.01.2024

BERLIN – Immer mehr Unternehmen bieten Prämien an, um qualifizierte Arbeitskräfte anzuziehen. Aber warum zahlen deutsche Arbeitgeber nicht einfach höhere Löhne?
Pflegekräfte, medizinisches Personal, Laborangestellte: Die Liste der Stellenanzeigen im Agaplesion-Krankenhaus in Gießen ist lang. Dort werden, wie in vielen Branchen, qualifizierte Fachkräfte gesucht. Wer ausgewählt wird, bekommt nicht nur eine Stelle, sondern auch eine solide Prämie. Es handelt sich um 2.000 Euro für eine Stelle im Herzkatheterlabor, für die gerade eine Anzeige veröffentlicht wurde.
Die Idee dahinter: den Arbeitsplatz attraktiver machen. Berufe im Gesundheitswesen haben einen schlechten Ruf, sagt Ina Junga. Sie leitet den Bereich Personalwesen im Agaplesion-Krankenhaus. „Die Arbeitsbedingungen hier sind nicht so unattraktiv, wie sie in Medienberichten dargestellt werden.” Deshalb habe man, sagt sie, auch Prämien eingeführt.
Viele deutsche Unternehmen kämpfen, wie diese Klinik, um die Gewinnung gewünschter Mitarbeiter – und das nicht nur im Gesundheitswesen. Von Mechatronikern bis zu Küchenmonteuren versuchen Arbeitgeber, sie mit dem Versprechen von Prämien in Höhe von 300 bis 4.000 Euro anzulocken.
Eine Analyse der Jobplattform Indeed zeigt, dass Prämien beim Jobwechsel deutlich zugenommen haben. Im Jahr 2019 wurde von einer Million Stellenanzeigen auf dieser Plattform in 3.050 Anzeigen eine Prämie versprochen. 2023 gab es 7.129 solcher Anzeigen, also mehr als doppelt so viele. Auch wenn ihr Anteil niedrig bleibt, ist dieser Trend klar erkennbar.
Das lässt sich durch einen Blick auf die Lage am Arbeitsmarkt erklären, die sich weiter zugunsten der Beschäftigten entwickelt hat. Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gibt es in Deutschland derzeit rund 1,7 Millionen offene Stellen. Und etwa 2,6 Millionen Menschen sind auf Jobsuche.
Das bedeutet, dass auf eine offene Stelle 1,5 Arbeitssuchende kommen. Vor zehn Jahren lag dieses Verhältnis bei ungefähr vier Arbeitssuchenden pro offener Stelle. Der Wettbewerb unter den Arbeitssuchenden war deutlich größer. Heute sind es die Arbeitgeber, die sich bemühen müssen, Arbeitskräfte anzuziehen.
Dass Prämien ein gutes Instrument sind, um die gewünschten Arbeitskräfte anzuziehen, hat sich dort gezeigt, wo der Mangel an qualifizierten Fachkräften besonders groß ist: am internationalen Flughafen Frankfurt (Fraport). Dort werden seit 2022 Prämien für Neueinstellungen ausgezahlt. Personal, das in Servicejobs am Boden eingestellt wird, erhält jeweils 1.000 Euro Prämie.
Dass sich dieser Flughafen so früh diesem Trend angeschlossen hat, ist durch die spezifische Situation in der Luftfahrtbranche während der Pandemie bedingt, sagt Fraport-Sprecher Andreas Schopf. „Der Flugverkehr war der erste, der von den Corona-Maßnahmen betroffen war, und die letzte Branche, die in den normalen Rahmen ihres Geschäfts zurückkehrte.” Viele Beschäftigte verließen in dieser Zeit das Unternehmen und begannen, andere Berufe auszuüben.
Fraport hat nach Angaben des Unternehmens seit der Einführung der Prämien 4.000 neue Beschäftigte gewinnen können. Sprecher Schopf betont, dass die Prämien zusammen mit anderen Vergünstigungen wie dem Deutschlandticket (Monatskarte für den Zug) einer der Faktoren sind, warum sich jemand für diesen Arbeitgeber entscheidet. Doch Arbeitgeber wollen nicht nur, dass neue Beschäftigte kommen, sondern auch, dass sie auf diesem Arbeitsplatz bleiben. Warum werden dann nicht höhere Löhne an Stellen gezahlt, an denen qualifizierte Fachkräfte dringend gebraucht werden?
Der Grund dafür ist eine wirtschaftliche Kalkulation, sagt Michael Neugart, Wirtschaftsexperte von der Universität Darmstadt. Wenn Unternehmen den monatlichen Bruttolohn um 100 oder 200 Euro erhöhen würden, müssten sie diesen Betrag während der gesamten Beschäftigungsdauer zahlen. Eine Einmalzahlung stellt einen finanziellen Anreiz für Beschäftigte dar, aber Arbeitgeber verpflichten sich damit nicht langfristig – und bleiben im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten.
Das Agaplesion-Krankenhaus in Gießen könnte noch mehr zahlen, sagt die Personalchefin. Im Pflegebereich würde das jedoch bedeuten, dass insgesamt weniger Personal eingestellt werden könnte. Denn, wie sie erklärt, zahlen die Krankenkassen den Krankenhäusern Pauschalen für die Behandlung von Patienten, und deshalb sind die finanziellen Mittel begrenzt.
„Niemandem wäre geholfen, wenn wir höhere Löhne zahlen würden und deshalb die Zahl des Personals so stark begrenzen müssten, dass wir unsere Arbeit nicht mehr erledigen können”, sagt Junga.
Höhere Löhne sind daher keine Lösung für die Klinik in Gießen. Dennoch bleibt 2024, wie schon das vorherige Jahr, ein gutes Jahr für Beschäftigte. Besonders diejenigen, die für die am meisten nachgefragten Stellen qualifiziert sind, können auf Prämien wegen eines Arbeitgeberwechsels hoffen und befinden sich in einer guten Verhandlungsposition.
Quelle: seebiz.eu









