Nirgendwo auf der Welt schrumpft die Bevölkerung schneller als auf dem Balkan: Welche Lösungen bietet die Fachwelt?
14.11.2025

Fast nirgendwo sonst auf der Welt, außer in den baltischen Staaten und in dem vom Krieg betroffenen Ukraine, sinkt die Bevölkerungszahl so schnell und dramatisch wie in den Staaten Südosteuropas, was eine äußerst ernste Herausforderung für die Zukunft der gesamten Region darstellt.
Diese demografische Krise ist nicht nur eine bloße statistische Angabe, sondern eine reale Bedrohung für das Fortbestehen und die Nachhaltigkeit der Gesellschaften, worüber für Deutsche Welle Professor Doktor Ulf Brunnbauer schreibt, Historiker und wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg.
Alarmglocke und alarmierende Prognosen
Die Saison der Veröffentlichungen neuer Volkszählungsergebnisse löst regelmäßig heftige Reaktionen und apokalyptische Prognosen in den Medien auf dem gesamten Balkan aus, und die Fachleute sind sich einig, dass die Situation tatsächlich dramatisch ist. 'Das ist eine Alarmglocke', betont Professor Brunnbauer ausdrücklich, da die Region mit einem raschen Schwinden des Humankapitals konfrontiert ist.
Die regionalen Medien schlagen einen alarmierenden Ton an, und die Schlagzeilen zeichnen das Bild einer allgemeinen Katastrophe. So wurde zum Beispiel in Serbien kürzlich geschrieben, dass es 'In diesem Jahr die wenigsten Babys in der jüngeren Geschichte Serbiens!' gebe, wobei darauf hingewiesen wurde, dass es immer weniger Neugeborene gibt und sich gleichzeitig die Lebenserwartung verkürzt. Ähnlich ist die Lage auch in den Nachbarländern, sodass in Kroatien davor gewarnt wird, dass 'Ganz Kroatien auf dem Rücken alter Menschen lasten wird', während man in Bulgarien befürchtet, dass die Krise zu einer echten demografischen Katastrophe anwachsen könnte.
Statistische Daten bestätigen diesen Diskurs: Seit 1990 ist die Bevölkerungszahl in der Region von ungefähr zweiundsechzig Millionen auf die heutigen dreiundfünfzig Millionen Menschen gesunken. Bulgarien hatte beispielsweise am Ende der kommunistischen Herrschaft fast neun Millionen Einwohner, während es heute weniger als sieben Millionen sind. Die Hauptursachen sind zweifach: ein langjähriger negativer natürlicher Bevölkerungszuwachs und, was noch wichtiger ist, die starke Auswanderung junger Menschen.
Unwirksame Anreize und Korruption
Die politischen Eliten in den Staaten Südosteuropas erkennen dieses Problem als äußerst ernst an, und einige bezeichnen es sogar als eine Frage des Überlebens. Der kroatische Premierminister Andrej Plenković nennt die demografische Krise eine 'Frage des Überlebens' für Kroatien, was auch zur Gründung eines besonderen Ministeriums für Demografie und Einwanderung geführt hat.
Das wichtigste Mittel, mit dem die Regierungen versuchen, auf die Krise zu reagieren, sind jedoch finanzielle Anreize für die Geburt von Kindern, die oft von einer Rhetorik begleitet werden, die das Kinderkriegen als patriotische Pflicht darstellt. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass sich ein solcher ausgeprägter Pronatalismus, der historisch bereits in den kommunistischen Staaten vor einem halben Jahrhundert erfolglos war, als weitgehend unwirksam erwiesen hat. Geldanreize können nämlich weder tiefgreifende kulturelle Veränderungen aufhalten noch die grundlegenden strukturellen Probleme beseitigen, die junge Menschen zur Auswanderung treiben. Untersuchungen zeigen eindeutig, dass neben höheren Löhnen im Westen die verbreitete Korruption, der Nepotismus und der allgemeine Mangel an Perspektive im eigenen Land eine entscheidende Rolle bei der Entscheidung zur Ausreise spielen.
Lösungen: Einstellungswandel und Nutzung heimischer Ressourcen
Erfahrungen außerhalb der Region bieten eine konkrete Antwort: Während alle Länder Südosteuropas einen weiteren Rückgang erwarten, wird für einige Staaten der Europäischen Union trotz niedriger Geburtenrate dank Einwanderung ein Wachstum prognostiziert. Dennoch fehlt es in Südosteuropa, den durchgeführten Umfragen zufolge, an breiterer gesellschaftlicher Unterstützung für die Akzeptanz von Einwanderung, insbesondere wenn es um Zuwanderer geht, die anders aussehen als die einheimische Bevölkerung.
Doch Einwanderung ist nicht die einzige Lösung, betont Professor Brunnbauer. Die Länder Südosteuropas verfügen aufgrund niedriger Beschäftigungsquoten auch über ein großes ungenutztes heimisches Arbeitskräftepotenzial. Anstatt sich ausschließlich auf finanzielle Belohnungen für die Geburt von Kindern zu konzentrieren, sollten sich die Regierungen darauf fokussieren, den Bürgern ein längeres und gesünderes Leben zu ermöglichen, damit die Menschen länger und besser altern und dadurch auch länger arbeiten. Notwendig ist also eine Politik, die auf die Verbesserung der tatsächlichen Lebensbedingungen ausgerichtet ist und nicht nur auf leere Rhetorik und Klientelismus, denn ohne einen Einstellungswandel und konkrete Lösungen wird es nicht möglich sein, den Teufelskreis aus Angst und Auswanderung zu durchbrechen.









