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Wie sparen Geschäfte in Deutschland? Geschlossene Türen, ausgeschaltete Werbung, weniger Heizung

08.10.2022

Wie sparen Geschäfte in Deutschland? Geschlossene Türen, ausgeschaltete Werbung, weniger Heizung

Die Energiekosten in deutschen Geschäften sind seit Jahresbeginn um 150 Prozent gestiegen. In einer Umfrage des Deutschen Handelsverbands (HDE) sieht jedes zweite Unternehmen seine Existenz bedroht, schreibt Deutsche Welle.

Die Händler nutzen jetzt Energiesparmaßnahmen, um irgendwie über den Winter zu kommen. Zum Beispiel werden die Geschäfte weniger beheizt. „Jedes Grad weniger kann den Energieverbrauch um bis zu sechs Prozent senken“, sagt Patrick Schütz vom Deutschen Handelsverband. Erste Supermärkte denken sogar über verkürzte Öffnungszeiten nach.

Freiwillige Maßnahmen sind das eine. Aber auch die Bundesregierung setzt auf Zwangsmaßnahmen. Sie hat eine Verordnung erlassen, die seit dem 1. September in Kraft ist – Verkaufsräume von Geschäften dürfen nur noch auf höchstens 19 Grad beheizt werden. Leuchtende Außenwerbung muss von 22 bis 6 Uhr ausgeschaltet sein, und die Türen von Geschäften dürfen nicht mehr ständig offen stehen.

„Türen geschlossen, Geschäft geöffnet“

Carina Peretzke vom Handelsverband Nordrhein-Westfalen ist gegenüber geschlossenen Eingangstüren sehr kritisch: „Wenn die Türen geschlossen sind, kommen weniger Kunden hinein.“ Psychologisch würden geschlossene Türen, wie sie sagt, als Barriere wahrgenommen.

Um dennoch Menschen in die Geschäfte zu locken, hat die Klimaoffensive des HDE auf Initiative des Handelsverbands Nordrhein-Westfalen eine Kampagne gestartet, auf deren Plakaten steht: „Türen geschlossen, Geschäft geöffnet“. Diese Plakate sollen den Kunden zeigen, dass die Geschäfte trotz geschlossener Türen geöffnet sind. Bisher werde die Kampagne sehr gut angenommen, sagt Patrick Schütz.

Verständnis für all diese Maßnahmen zeigt auch die Mehrheit der Kunden, für die das Thema Energiesparen auch privat immer wichtiger wird. Das zeigt eine DW-Umfrage im Zentrum von Bonn: „Das ist das Richtige, um Energie zu sparen. Das macht die Innenstadt ein bisschen trauriger. Aber ich denke, wir haben nicht allzu viele Möglichkeiten, darüber nachzudenken“, sagt eine Passantin.

Kaufkraft auf „dem niedrigsten Stand aller Zeiten“

Doch das Hauptproblem des Einzelhandels liegt derzeit woanders, meint Carina Peretzke. Denn nach mehr als zwei Jahren Coronavirus-Pandemie und steigenden Kosten befindet sich die Kaufkraft, wie sie sagt, derzeit auf einem „historischen Tiefstand“. Darunter leidet besonders der Einzelhandel: „Es gibt im Grunde keine Reserven mehr, sie sind aufgebraucht. Jetzt haben wir höhere Kosten, und auch die Kunden haben diese Kosten, deshalb halten sie sich beim Einkaufen zurück“, sagt Peretzke.

Das wird auch deutlich, wenn man mit Menschen im Zentrum von Bonn spricht. Viele achten jetzt stärker darauf, was sie kaufen, und fragen sich, ob sie es wirklich brauchen. Und auch wenn es um Lebensmittel geht, greifen die Menschen immer häufiger zu Sonderangeboten und gehen zunehmend in Discounter.

Beleuchtung und Sicherheit

Der Dortmunder Stadtplaner Stefan Kruse sieht noch einen weiteren wichtigen Aspekt: Die Innenstädte werden durch weniger Beleuchtung dunkler, besonders jetzt im Herbst, wenn die Tage kürzer werden. Das ist auch, sagt Kruse, eine Frage der Sicherheit.

Wenn ich zum Beispiel nach einem Restaurantbesuch nach Hause gehe, dann werde ich mir beim nächsten Mal vielleicht zweimal überlegen, durch dunkle Gassen zu gehen, sagt Kruse. Eine Mitarbeiterin eines Textilgeschäfts in der Nähe des Hauptbahnhofs teilt diese Meinung. „Mir ist ein bisschen mulmig“, sagt diese Frau.

Die Zahl kleiner Geschäfte in den Stadtzentren geht seit Jahren zurück. Ein Trend, der sich bereits durch den Lockdown während der Pandemie und den damit verbundenen Einnahmeverlust verstärkt hat, wird sich nun aufgrund der Energiesparmaßnahmen wahrscheinlich fortsetzen.

Identische Handelsketten findet man fast überall in den zentralen Teilen deutscher Städte. Deshalb sind, meint Kruse, die Stadtzentren „langweilig“ und „austauschbar“.

Doch nicht nur kleine Geschäfte ziehen sich zurück. Große Ketten setzen seit der Pandemie immer stärker auf den Online-Handel. Daher stehen immer mehr große Flächen im Stadtzentrum leer. Für Kruse ist klar, dass über das Konzept der Innenstadt langfristig anders nachgedacht werden muss. Wenn große Warenhausketten ihre Standorte räumen, entstehen riesige leere Flächen, die nach Ansicht von Kruse in multifunktionale Flächen umgewandelt werden sollten.

Quelle: index.hr