Plus
Anzeige schalten

Schweden bringt Bücher zurück in die Schulen: „Jetzt muss ich selbst lesen, früher las mir der Computer die Aufgaben laut vor“

27.12.2023

Schweden bringt Bücher zurück in die Schulen: „Jetzt muss ich selbst lesen, früher las mir der Computer die Aufgaben laut vor“

Die ausschließliche Nutzung von Laptops und Tablets führte zu schlechteren Ergebnissen beim Lesen und Verstehen.

Die Schüler der 4. Klasse der Grundschule Lövestad in Sjöbo im Süden Schwedens legen ihre Smartphones in eine kleine Holzkiste, die die Lehrerin Madelen Sevedsson anschließend in einem Schrank einschließt. In Schweden ist es nicht ungewöhnlich, dass Schüler der vierten Klasse bereits ein Smartphone haben.

Die Kinder tragen auch keine schweren Taschen – weil sie im Unterricht digital arbeiten, am Laptop oder Tablet. Aber heute wird es anders sein. Die Lehrerin zeigt den Kindern ein neues Mathematikbuch. „Zuerst gebe ich es euch, damit ihr es euch in eurer freien Zeit anschauen könnt. Blättert es durch. Es ist ganz neu!“, schreibt Deutsche Welle.

Wende in fünf Jahren

Echte Bücher im Klassenzimmer! Nach fast vier Schuljahren ist das für diese Kinder das erste Mal. Bisher haben sie im Mathematikunterricht fast ausschließlich am Laptop gearbeitet. Schon nach wenigen Minuten bemerkt die Schülerin Ines den Unterschied: „Es gibt mehr Beschreibungen. Das hatten wir auf dem Laptop nicht. Aber jetzt muss ich selbst lesen, das ist etwas schwieriger. Früher hat mir der Computer die Aufgaben laut vorgelesen“.

In vielen schwedischen Klassenzimmern beginnt sich langsam eine Wende zu vollziehen – eine Rückkehr zum Alten. Denn selbst Grundschüler werden seit Jahren fast ausschließlich digital unterrichtet. Und noch vor nur fünf Jahren empfahlen die Schulbehörden in nationalen Richtlinien die Nutzung digitaler Unterrichtsmittel wie Laptops oder Apps und den Verzicht auf Schulbücher.

Es zeigte sich jedoch, dass das auch Nachteile hatte, sagt die Lehrerin Jeanette Wiberg. „Bei den Schülern haben sich die Lesegeschwindigkeit verringert, der Wortschatz ist kleiner und das Leseverständnis schlechter. Wir glauben, dass das daran liegt, dass wir zu viel digital gearbeitet haben“. Das schwedische Schulsystem ist liberalisiert.

Neben staatlichen Schulen gibt es auch zahlreiche private, und die Grundschule dauert neun Jahre. Die Bildungspolitik wird nicht zentral umgesetzt, Schulen und Lehrkräfte gehen den digitalen Unterricht auf unterschiedliche Weise an. Die konservative schwedische Regierung will das ändern und den Lehrkräften bald neue Richtlinien geben.

Digitaler Unterricht

Die schwedische Regierung hat allein in diesem Jahr 60 Millionen Euro für die Rückkehr der Bücher in die Schulen bereitgestellt. Bildungsministerin Lotta Edholm fordert insbesondere, dass Grundschüler wieder mehr lesen. „Das Problem mit der Digitalisierung ist, dass sie größtenteils von oben aufgezwungen wurde. Die Lehrkräfte waren dagegen, hatten aber das Gefühl, dass ihnen niemand zuhörte. Digitale Unterrichtsmittel sind für ältere Kinder.

Wir wissen aus der Hirnforschung, dass kleine Kinder überhaupt nicht mit Bildschirmen in Kontakt kommen sollten. Viele Eltern wollen auch, dass wir die Bücher zurückbringen. Denn mit einem Buch können sie leichter verstehen, was das Kind für den nächsten Test lernen muss, anstatt dass ihnen irgendein Papier oder nur ein Link gegeben wird“, sagt Edholm.

In der Schule Lövestad im Süden Schwedens nehmen die Kinder für den Geografieunterricht Laptops aus dem Regal: Sie sollen ihr Land kennenlernen, lernen, wo sich Städte und Regionen befinden, und diese auf dem Bildschirm markieren. Ein Laptop funktioniert nicht richtig. „Es kann sogar eine ganze Schulstunde dauern, bis er wieder funktioniert. Das ist schlecht. Schreiben ist viel besser! Es ist stärker mit dem Gehirn verbunden“, sagt ein Schüler.

Die schwedischen Schulbehörden weisen auch auf die Rolle der Lehrkräfte hin, die mit den neuen Möglichkeiten richtig umgehen sollten. Jeanette Wiberg jedenfalls möchte den Unterricht nicht völlig ohne Laptops halten.

„Die Zukunft ist digital. Wir müssen den Kindern diese Welt und den richtigen Umgang damit beibringen. Wenn ich noch einmal die Wahl hätte, würde ich eine Kombination wählen“, sagt Wiberg.

Quelle: poslovni.hr