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Deutschland sucht verzweifelt Arbeitskräfte: Diese Berufe fehlen am meisten

27.07.2022

Deutschland sucht verzweifelt Arbeitskräfte: Diese Berufe fehlen am meisten

OB in der Industrie, in Krankenhäusern oder im Handwerk – der Arbeitskräftemangel ist in Deutschland ein immer größeres Problem. Die Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland funktioniert nicht so, wie man es sich vorgestellt hatte. Nun sollte das Einwanderungsgesetz reformiert werden, schreibt Deutsche Welle.

Es hätte ein schöner Abend werden können. „Ich hätte einen Tisch für Sie“, sagte der Restaurantbesitzer am Telefon, „aber leider gibt es niemanden, der für Sie kochen könnte“. Das ist kein Scherz. In ganz Deutschland gibt es nicht genug Köche, Küchenhilfen und Kellner. Doch Arbeitskräfte sind nicht nur in der Gastronomie ein Problem.

Züge fallen aus, weil es nicht genug Lokführer gibt. An den Flughäfen stapeln sich Koffer, weil niemand da ist, der sie umladen könnte. Bei den Sicherheitskontrollen verlieren die Menschen die Nerven, weil sie wegen der viel zu langen Schlangen ihre Flugzeuge nicht erreichen. Kindergärten ziehen ihre Aufnahmebestätigungen für Kinder zurück, weil es nicht genug Erzieherinnen gibt.

56 % der Firmen klagen über Arbeitskräftemangel

In einer Umfrage der deutschen Industrie- und Handelskammer, die die Interessen von mehreren Millionen Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistungen vertritt, klagen 56 Prozent der Firmen über Arbeitskräftemangel und halten dies für eine der größten Gefahren für ihr Geschäft.

Die Bundesagentur für Arbeit verzeichnet einen Arbeitskräftemangel in 148 Berufen, weitere 122 Berufe sind gefährdet. Im Durchschnitt vergehen acht Monate, bis ein Pflegeheim eine Pflegekraft findet. Baufirmen warten im Schnitt ein halbes Jahr, bis sie Arbeiter finden. Im ganzen Land sind Ausschreibungen für mehr als 1,7 Millionen offene Stellen veröffentlicht.

Es fehlen nicht nur Fachkräfte

„Vor fünf bis zehn Jahren haben wir nur Werbung geschaltet, um unsere Dienstleistungen zu verkaufen. Heute bezahlen wir Anzeigen in Medien aller Art, um Arbeitskräfte zu finden“, klagt Markus Winter, Geschäftsführer der Firma IDS in Baden-Württenbergu, die Arbeitskräfte aller Art vermittelt. Das Unternehmen hat rund 750 Beschäftigte und benötigt Personal in mehr als 20 Berufen, vom Schlosser bis zum Maler, vom Gabelstaplerfahrer bis zum Fahrer eines Lieferwagens für Getränkelieferungen.

Der Arbeitskräftemangel ist nicht plötzlich aufgetreten. „Jetzt befinden wir uns in einer relativ dramatischen Situation, die wir schon lange vorausgesehen haben“, sagt Herbert Brücker, Professor am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Seinen Beobachtungen zufolge werden die demografischen Veränderungen jetzt deutlich sichtbar.

Deutschland verliert jährlich etwa 350.000 Angehörige der erwerbsfähigen Generation. Dabei werden die geburtenstarken Jahrgänge erst in einigen Jahren in Rente gehen. Experten wie Brücker rechnen damit, dass bis 2035 auf dem Arbeitsmarkt ein Mangel von sieben Millionen Arbeitskräften herrschen wird.

Die einen kommen, die anderen gehen

Das ist eine riesige Lücke. Um sie zu schließen, müssten jährlich – und dauerhaft – etwa 400.000 Einwanderer nach Deutschland kommen. Dabei sind Einwanderer aus Ländern außerhalb der Europäischen Union gemeint.

Seit 2012 können Fachkräfte mit akademischer Ausbildung dank der sogenannten „Blue Card EU” nach Deutschland kommen. Im Jahr 2020 trat auch das Fachkräfteeinwanderungsgesetz (FEG) in Kraft, das nicht nur akademisch ausgebildete Einwanderer umfasst. Doch es wirkt nicht wie erwartet.

Herbert Brücker spricht von einer „Enttäuschung“ und erinnert daran, dass 2020 30.000 Arbeitskräfte aus dem Ausland nach Deutschland kamen, das Land aber gleichzeitig auch 20.000 Arbeitskräfte verließen.

Die deutsche Regierung plant nun eine Reform des Gesetzes, damit sich der Arbeitsmarkt auch für Arbeitskräfte öffnet, die nicht über das erforderliche Diplom oder Zeugnis verfügen – ihnen sollte die Möglichkeit gegeben werden, dies in den Unternehmen zu erwerben, die sie aufnehmen.

Deutschland bestand früher auf der „Gleichwertigkeit“ von Diplomen – doch das ist nun Vergangenheit: Künftig sollten Unternehmen bei der Einstellung frei beurteilen können, ob sie jemanden brauchen oder nicht, und das Diplom wird zweitrangig sein.

Arbeitgeber unter Verdacht

Doch in der Praxis wird sich weiterhin vieles mit großen Schwierigkeiten abspielen. Das weiß die Anwältin Bettina Offer gut, die Unternehmen berät, die Arbeitskräfte aus dem Ausland einstellen wollen. Selbst mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche ist es weiterhin schwer, in deutschen Botschaften einen Termin für die Visumerteilung zu bekommen, sagt Offer, und fügt hinzu, dass die Prüfung der Anträge Monate dauert.

„Die Behörden äußern ständig den Verdacht, dass meine Arbeitgeber irgendwie versuchen, ausländische Arbeitskräfte nach Deutschland zu schmuggeln, und wollen nicht verstehen, dass Arbeitgeber einfach nur Arbeitskräfte suchen.“ Sie spricht von einer „tief verwurzelten Abwehrhaltung“ unter den zuständigen Behörden. „Noch immer muss gegen eine solche Haltung angekämpft werden, und wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Jede Arbeitskraft, die zu uns kommt, ist ein Gewinn für unser Land.“

Quelle: index.hr